Im Jahre 1812 veröffentlichten die Brüder Jacob und Wilhelm
Grimm unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“ den
ersten Band ihrer noch heute berühmten Märchensammlung.
Somit steht im Jahre 2012 das 200jährige Erscheinungsjubiläum
an – ein schöner Anlass, die Märchenwelt
der Brüder Grimm mit der Präsentation ausgesuchter
Schulwandbilder wieder einmal höchst lebendig werden
zu lassen. Die Ausstellung konzentriert sich dabei auf die
pädagogische Nutzung der Grimm‘schen Märchen im
Unterricht, die letztlich ganz im Sinn der Brüder Grimm
war, hatten diese doch im Vorwort zu dem im Jahre 1815
erschienenen zweiten Band ihrer Märchensammlung ganz
konkret ihre Hoffnung geäußert, „dass ein eigentliches Erziehungsbuch
daraus werde“. Seither haben sich Generationen
von Lehrern und Künstlern immer wieder neu mit der
Frage nach der Nutzung von Märchen in der schulischen
Unterrichtsgestaltung auseinandergesetzt.
Wie seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Antworten ausfielen,
zeigen zahlreiche faszinierende und bis zu über 100
Jahre alte Märchen-Schulwandbilder, die das Sammlerehepaar
Martina und Lutz Dathe aus dem Fundus ihrer
Sammlung für diese Ausstellung bereitgestellt hat. Die mit
hoher künstlerischer und handwerklicher Meisterschaft
sowie nach pädagogischen Grundsätzen gestalteten
Märchenbilder wecken sicherlich bei manchem von uns
lebhafte Erinnerungen an die eigene Schulzeit.
Die großen, farbkräftigen Bildtafeln mit den Symbolszenen der bekanntesten Märchen demonstrieren eindrucksvoll, wie das Märchen in pädagogische Konzepte zur Bildung und Erziehung von Kindern eingebunden wurde, dokumentieren bei eingehender Betrachtung aber auch ihre Wehrlosigkeit gegen ideologische Vereinnahmungen aller Art.
Ihre eigentliche „Schulreife“ erlangten die Märchen jedoch erst Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, als nach dem Erlöschen der Verlags- und Illustrationsrechte die Grimm‘schen Märchen zu einem festen Bestandteil vieler Schullesebücher wurden. Die Kinder- und Hausmärchen galten bei vielen Lehrern aufgrund ihrer hohen ethischmoralischen Gesinnungswerte als besonders geeignete Schullektüre. Schließlich zeigen etwa die Goldmarie in Frau Holle oder aber das Aschenputtel höchst anschaulich, wie weit man es mit unermüdlichem Fleiß, Geduld und widerstandsloser Fügung in sein Schicksal bringen kann. Das Rotkäppchen dagegen ist, weil es vom rechten Weg abkam, ein warnendes Beispiel für Ungehorsam gegenüber elterlicher und schulischer Autorität oder gar weltlicher und geistlicher Obrigkeit.
Verlust und Tod, Hochzeit und Geburt, Markttreiben, Handwerk oder bäuerliche Arbeit - kein Märchen kommt andererseits ohne einen solchen Bezug zum realen Leben aus. Warum also sollte es den Lehrern nicht gelingen, den schulischen Wissensstoff mittels Märchen besonders anschaulich zu vermitteln und so die Lernbereitschaft der Kinder zu fördern?
Aus diesem Grunde ließ der Leipziger Reformpädagoge Fritz Lehmensick zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Dresdner Meinhold Verlag die für den Naturkunde- oder Geschichtsunterricht längst üblichen Schulwandbilder erstmalig auch mit Märchenmotiven bedrucken. Die dort erschienenen Bilder zu den Grimm’schen Märchen prägten die Vorstellungswelt ganzer Generationen und haben seither nichts von ihrer faszinierenden Wirkung verloren.
Durch Anordnung von kleineren Teilflächen rings um eine große Zentralfläche oder durch Dreiteilung der Bildflächen, denen die Schlüsselszenen zugeordnet sind, wird das gesamte Geschehen im Märchen „erzählt“. Dieser Gestaltungsgrundsatz ist das herausragende Merkmal der Meinhold- Wandbildreihe und vielleicht auch der Grund ihrer lang anhaltenden Beliebtheit. Neben Meinhold hatten natürlich auch andere Wandbild-Verlage Märchenbilder im Angebot, bis dann ab ca. Mitte der 1970er Jahre Schulwandbilder ihre Popularität im Unterricht einbüßten und durch andere Medien ersetzt wurden.
Schulmuseum Steinhorst, Marktstraße 20, 29367 Steinhorst
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