Koedukation gemeinsam/getrennt

Schulmuseum Steinhorst

04.03.2020 - 28.06.2020

ONLINE-AUSSTELLUNG

Liebe Besucherinnen und Besucher,

herzlich willkommen in unserer online-Sonderausstellung zum Thema „Koedukation“!

„Koedukation“ – so nennt man die gemeinsame schulische Ausbildung von Mädchen und Jungen. Sie ist heute in Deutschland Standard. Doch das war nicht immer so… Kommen Sie mit auf eine kleine Reise durch die letzten etwa 500 Jahre. Und: wie war das eigentlich in Ihrer eigenen Schulzeit?

Auf dieser Seite finden Sie die Textinhalte aller 12 Texttafeln der Sonderausstellung im Schulmuseum Steinhorst sowie ausgewählte Abbildungen. Außerdem sehen Sie Fotografien der drei Vitrinen mit zahlreichen Originalobjekten sowie ihre Begleittexte. Aus Platzgründen können wir die einzelnen Objekte hier leider nicht im Detail vorstellen.

Das werden wir in den nächsten Wochen nach und nach auf der Facebook-Seite des Schulmuseums nachholen, versprochen. Schauen Sie doch auch dort mal rein! Dafür geben Sie einfach bei Google die Worte „Facebook Schulmuseum Steinhorst“ ein und drücken auf der Tastatur die „Enter“ Taste. Das erste angezeigte Ergebnis ist es dann. Übrigens freuen wir uns auch über „Likes“ ;-)

» Link zur facebook-Seite des Schulmuseums

Und natürlich würden wir uns freuen, Sie nach Normalisierung der Situation auch einmal persönlich in unserem kleinen aber feinen Museum in Steinhorst begrüßen zu dürfen. Die Sonderausstellung „Koedukation“ steht dort noch bis inklusive 28.06.2020.

Aber nun erstmal: Viel Spaß mit der Sonderausstellung „Koedukation“ und bleiben Sie gesund!

Ihr Arne Homann M.A.
Leiter Schulmuseum Steinhorst

Blick auf den Eingang

Blick in die Ausstellung

Zur Geschichte der Mädchen- und Jungenbildung in Deutschland

Diese Ausstellung förderten großzügig:

  • Lüneburgischer Landschaftsverband
  • Verein der Freunde und Förderer des
    Erich-Weniger-Hauses Steinhorst e. V.

Impressum
Eine Ausstellung des Schulmuseums Steinhorst – Museen des Landkreises Gifhorn – Bildungs- und Kultur gGmbH des Landkreises Gifhorn.
Idee und Konzept: Arne Homann M.A. und Jannik Sachweh M.A.
Realisierung: Arne Homann M.A.
Kurator / Texte: Jannik Sachweh M.A.
Kuratorin Sammlungen: Wiebke Manzke M.A.
Grafik-Design: Dipl. Des. Werner Pollak

Abbildungen: Soweit nicht im Bildtext anders angegeben, befinden sich die Vorlagen der auf den Ausstellungstafeln reproduzierten Abbildungen in der Sammlung des Schulmuseums Steinhorst.

Wir sind stets bemüht, alle etwaigen Rechteinhaber gezeigter Abbildungen ausfindig zu machen, sie zu
kontaktieren, zu nennen und gegebenenfalls angemessen zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall nicht umfassend gelungen sein, etwa aufgrund einer schlechten Quellenlage, werden wir begründete Ansprüche nach erfolgter Prüfung natürlich erfüllen. Wir bitten in diesem Fall um Kontaktaufnahme. Die Einschaltung eines Rechtsbeistandes wird hiermit grundsätzlich als unnötig und unangemessen abgelehnt und auf Kosten der beauftragenden Person / Institution erfolgen.

Alle Texte, Grafiken und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt.

Zum Begriff Koedukation

Koedukation bezeichnet den gemeinsamen Schulunterricht für Mädchen und Jungen. Als Gegenentwurf zur Koedukation wird die Monoedukation verstanden. In dieser Vorstellung ist ein getrennter Unterricht für Jungen und Mädchen vorgesehen. Dabei werden oft auch je nach Geschlecht andere Fächer und Lehrinhalte vorgegeben.

Die Frage, ob alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrem Geschlecht in der Schule den gleichen Unterricht besuchen sollten, wurde in der Vergangenheit immer wieder teils kontrovers diskutiert. Heute ist die überwiegende Mehrzahl der Schulen in Deutschland koedukativ. Mädchen und Jungen werden dort in den meisten Stunden gemeinsam unterrichtet und auch in den Inhalten sind keine Unterschiede vorgesehen. So sollen alle gemeinsam und gleichberechtigt lernen, als mündige Bürgerinnen und Bürger in einem demokratischen Staat zu leben.

Teils ganz anders sah das in der Vergangenheit in Deutschland und seinen Vorgängerstaaten aus. Diese Ausstellung skizziert chronologisch die wesentlichen Entwicklungen der letzten fünf Jahrhunderte. Sie ermöglicht Einblicke in die Debatten um den gemeinsamen – oder getrennten – Schulunterricht und die historische Entwicklung der Koedukation. Gehen Sie auf eine kurze Reise durch die Geschichte – und bilden Sie sich selbst eine Meinung!

Schule und Bildung in der vorindustriellen Zeit

Bereits weit vor der Entwicklung eines einheitlichen Schulsystems existierte in den Herrschaftsgebieten des „Heiligen römischen Reiches“ um 1500 ein dezentrales Bildungssystem. Es reichte von Elementarschulen bis hin zu Universitäten. Allerdings existierten regional teils extreme Unterschiede in Qualität und Angebot. Verschärfend wirkte, dass Bildung privat bezahlt werden musste. Im Ergebnis wird die Alphabetisierungsrate der Stadtbevölkerungen im Spätmittelalter auf nur 10 bis 30% geschätzt. Und unter diesen Lese- und Schreibkundigen dominierten die wohlhabenderen Teile der Gesellschaft. Noch schlechter sah es im ländlichen Raum aus. Klöster waren dort häufig die einzigen Anbieter von Bildung. Dort lebende nicht adelige Jungen hatten nur geringe Chancen auf Bildung und einen darauf aufbauenden Aufstieg. Mädchen bekamen generell kaum Zugang zu schulischem Unterricht.

In Norddeutschland wurde diese Bildungslandschaft ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Reformation verändert. Was zuvor hauptsächlich Angelegenheit der Klöster und städtischer Schreibschulen war, wurde ureigenes Anliegen der Kirche. Nun sollten nicht mehr nur Geistliche und Gelehrte Zugang zur schriftlichen Offenbarungsgeschichte haben. Deshalb musste das Lesen unterrichtet werden, was wiederum ein ausgebautes Schulwesen notwendig machte. Dabei forderte Martin Luther auch eine Unterweisung für Mädchen.

Dennoch blieben die Bildungsmöglichkeiten für Mädchen auch nach der Reformation in den protestantischen Gebieten und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein regional sehr unterschiedlich und waren oft schlechter als jene für Jungen. An eine gemeinsame Beschulung von Jungen und Mädchen wurde in aller Regel noch nicht gedacht.

Vitrine 01: DIE FRÜHE ZEIT

Lange Zeit gab es in den „deutschen“ Herrschaftsgebieten und Staaten hinsichtlich der gemeinsamen – oder getrennten – schulischen Ausbildung von Mädchen und Jungen keine einheitliche Linie. Im Wesentlichen galt aber, dass eher getrennt unterrichtet wurde. Und: Jungen hatten grundsätzlich bessere Chancen auf höhere Bildung. Im Laufe des 16. Jahrhunderts begann die Institutionalisierung des Schulwesens. Dieser von der Obrigkeit gesteuerte Prozess setzte sich im 17. und im 18. Jahrhundert fort. Das Schulwesen entwickelte sich, auch auf dem Lande, hin zu einer flächendeckenden, öffentlichen Institution. Der Einfluss der Kirche schwand langsam, blieb aber bis zur Revolution von 1918 stark. Der Schritt zu einem modernen Schulwesen mit festen Schulformen und Lehrplänen folgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Zahl der tatsächlich an Schulen gemeldeten Schulpflichtigen wuchs stark. Bildung, auch weiterführende, blieb nicht mehr den Eliten vorbehalten. Bis zur allgemeinen Einführung der Koedukation außerhalb der Elementarschulen, den Vorgängern der Grundschulen, war es aber noch ein weiter Weg.

Handgeschriebenes „RechenBüchlein“ von Johan Heimsoth, 1705, ein Beispiel für die im Unterricht individuell angelegten „Aufgabenhefte“ der Zeit

Verordnung zur Einführung einheitlicher Schulbücher von Karl I. (1713–1780), seit 1735 Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, 1752

Ein Exemplar des ersten, 1752 allgemein eingeführten Religionslehrbuches, Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, 1796

Schülermütze, Präparandenanstalt Gifhorn, um 1910, Träger vermutlich Fritz Thielemann

Zu einem Heft gebundene, ehemals lose Blätter mit Schreibübungen aus der Schule von Johanna Rosina Saupin, 1841

„Evangelische Betrachtungen über die Sonn- und Fest-Tags-Evangelica des gantzen Jahrs“, 1758, aus dem Besitz der Katharina Hauschild, geb. 1854

 

VITRINE 01: EINSCHULUNG – ALLER ANFANG IST GLEICH?

Egal ob koedukativ oder nicht – auch heute fallen die optischen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen vielfach noch bereits am Tag der Einschulung auf. Von der Schultüte über Ranzen und Federmappe bis hin zur Kleidung: Farben und Motive weisen ein Kind meist selbst für nicht akut vom Ereignis betroffene BetrachterInnen „eindeutig“ zu.

Aber wer – und vor allem welches gesellschaftliche Ideal – steckt eigentlich hinter dieser frühen Trennung und Zuordnung? Die Kinder sind es in der Regel eigentlich nicht, oder… ?

Verschiedene Schultüten und Postkarten zur Einschulung, 20. Jahrhundert

 

Erziehung im 19. Jahrhundert

Als Folge der in den deutschen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung arbeiteten viele Männer in Fabriken. Frauen wurde in erster Linie die Erziehung der Kinder und die Arbeit im Haushalt zugeschrieben, obwohl auch sie teilweise zum Unterhalt der Familie beitrugen. Eine strukturierte Schulbildung für Mädchen war im Hinblick auf diese Rollenverteilung nicht vorgesehen.

Im Königreich Preußen kam es mit der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht seit 1839 zu einer weitgehenden Umsetzung der Koedukation in den neu eingeführten Elementarschulen. Der gemeinsame Unterricht war kostengünstiger als der Aufbau von getrennten Schulen.

Dennoch entstanden in den größeren Städten viele Schulen, in denen Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet wurden. Es wurden Fächer eingeführt, die nur für Mädchen vorgesehen waren, wie z. B. Hauswirtschaftsunterricht, Säuglingspflege und Handarbeiten. Auch ein gesonderter Sportunterricht für Mädchen entstand.

Die höheren Schulen blieben Jungen vorbehalten. Wenige Mädchen, zumeist aus der Oberschicht, wurden in privaten höheren Töchterschulen auf die ihnen zugeschriebene Rolle als Hausfrauen und Mütter vorbereitet, nicht aber auf ein Studium. Besonders an dieser Ungleichbehandlung entzündeten sich die Debatten der Zeit um eine gemeinsame Schule.

Vertiefungsebene: Helene Lange (1848 bis 1930)

Helene Lange war eine der bekanntesten Wortführerinnen in den Debatten um die Mädchenbildung in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches (1871 bis 1918) und der Weimarer Republik (1918 bis 1933).

Sie ging davon aus, dass Frauen vor allem für ihre Rolle als Mutter geschaffen wären und deshalb bestimmte geistige Eigenschaften hätten. Lange wollte, dass diese Besonderheiten auch in der Gesellschaft sichtbar würden. Hierzu engagierte sie sich stark für eine besondere Mädchenbildung. Den richtigen Unterricht für Mädchen konnten ihrer Meinung nach jedoch nur Frauen leisten. Deshalb lehnte sie Männer als Lehrer in Mädchenschulen ab. Helene Lange forderte auch eine Gleichstellung der höheren Mädchenschulen mit den höheren Schulen für Jungen. Zugleich sollten sie dabei aber eine die weiblichen Besonderheiten berücksichtigende Schulbildung anbieten.

 

Vertiefungsebene: Hedwig Dohm (1831 bis 1919)

Hedwig Dohm gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der radikalen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich (1871 bis 1918) vor dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918).

Im „Frauenverein Frauenwohl“ organisierte sie sich gemeinsam mit weiteren Mitstreiterinnen. Sie forderte eine völlige rechtliche, soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Damit verband sie auch eine Forderung nach Einführung der Koedukation. Zusätzlich verlangte sie die Realisierung einer Einheitsschule. Damit wollte sie nicht nur, dass Mädchen und Jungen im Schulsystem nicht getrennt werden, sie forderte auch die Auflösung der Einteilung nach unterschiedlichen Schulklassen. Während die bürgerliche Frauenbewegung ihrer Zeit vor allem eine bessere Bildung für Mädchen forderte, ging es ihr weniger um die Ausbildung und Bewahrung „weiblicher“ Charaktereigenschaften als vielmehr um die Gleichheit der Bildung für Jungen und Mädchen. Ihre Ideen wurden nach dem Ersten Weltkrieg teilweise in der Reformpädagogik der Weimarer Republik aufgegriffen.

Neue Mädchenschule im Kaiserreich

Im deutschen Kaiserreich (1871 bis 1918) wurde auch in Preußen die Schulbildung für Mädchen grundlegend reformiert. Für den Bildungsweg der Schülerinnen brachte das Jahr 1908 einige weitreichende Neuerungen. Die Beschlüsse der Preußischen Mädchenschulkonferenz wurden umgesetzt und mit der Einführung des Mädchengymnasiums verpflichtete sich der Staat, die höhere Schulbildung für Mädchen zu ermöglichen. So wurde auch Frauen ein regulärer Zugang zum Universitätsstudium erlaubt. Die Schule blieb jedoch grundsätzlich nach Geschlechtern getrennt.

Die Frauenbewegung, die eine gleichwertige Schulform für Mädchen und Jungen gefordert hatte, war mit den Reformen jedoch nicht vollständig zufrieden. Noch immer waren die meisten Lehrkräfte an den Mädchenschulen Männer und auch die Berufsaussichten für die Absolventinnen der höheren Mädchenschulen hatten sich nicht grundsätzlich erweitert. Erst in der 1918 gegründeten Weimarer Republik wurde der Ausbau des höheren Mädchenschulwesens unumkehrbar und die Anzahl der Studentinnen an den Universitäten stieg nach Ende des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) merklich. Nachdem viele Männer, darunter zahlreiche Lehrer, im Krieg gefallen waren, wurde auch die Arbeitskraft der Frauen benötigt.

Neuer Staat, neuer Unterricht? Die Weimarer Republik 1918 bis 1933

Als demokratischer Staat musste die 1918 ausgerufene Weimarer Republik nach dem Ende der Monarchie infolge des Ersten Weltkriegs einen Weg finden, um auch das Schulwesen neu und zeitgemäß zu organisieren. Intensive Debatten entbrannten dabei vor allem um die Stellung des Religionsunterrichts und der Staatsbürgerkunde. Letztendlich wurden viele Strukturen aus dem Kaiserreich übernommen.

Koedukative Unterrichtsformen wurden in der Zeit der Weimarer Republik insbesondere in der Reformpädagogik diskutiert und auch in Versuchsschulen umgesetzt. Dabei gibt es sowohl Beispiele für einen gemeinsamen Volksschulunterricht als auch für eine koedukative Gestaltung des höheren Schulwesens. Vielfach stand jedoch, ähnlich wie im Kaiserreich, nicht die Gleichheit der Geschlechter im Fokus, sondern die Gleichwertigkeit der schulischen Ausbildung.

Im Jahr 1923 kam es mit der Einführung des Oberlyzeums zu einer wichtigen Neuordnung. Das Oberlyzeum war ein vollwertiges Gymnasium für Mädchen. Diese Schule griff die typischen zeitgenössischen Bildungsschwerpunkte für Mädchen auf und führte sie gleichzeitig zur allgemeinen Hochschulreife. Damit wurden Schülerinnen sowohl auf die Rolle als Frau als auch auf eine eventuelle akademische Karriere vorbereitet. Das Schulsystem blieb jedoch grundsätzlich nach Geschlechtern getrennt.

 

Vitrine 02: DIE NATIONALSOZIALISTISCHE HERRSCHAFT

In der Zeit der ersten deutschen Demokratie, der sogenannten „Weimarer Republik“ (1918-1933), erlebte auch das Schulwesen wesentliche neue und moderne Impulse. Diese Fortschritte machte das nationalsozialistische Regime (1933-1945) nicht nur wieder rückgängig. Ganz im Gegenteil wurde im Zuge der Umgestaltung der Gesellschaft gemäß der menschenverachtenden und militaristischen Ideologie der Nationalsozialisten das Leben von Lehrkräften und Schulkindern komplett neu ausgerichtet. Schon die Kleinsten sollten zu Mitgliedern einer „Volksgemeinschaft“ erzogen werden, die alle ausschloss, und in der Konsequenz auch vernichtete, die nicht von der Abstammung her „deutsch“ waren, die politisch und moralisch anders dachten und / oder nicht dem Gesundheitsideal der Herrschenden entsprachen. Im Schulalltag äußerte sich diese komplette Neuausrichtung zum einen durch andere Lehrinhalte. Zum anderen traten die Nationalsozialisten im schulischen Raum auch optisch öffentlich in Erscheinung. Lehrkräfte, die Mitglieder in Parteigliederungen waren, trugen entsprechende Abzeichen und bei Veranstaltungen Uniform. Jene Kinder, die Mitglied in den Gliederungen der Jugendorganisation der NSDAP waren, der „Hitlerjugend“, trugen teils Uniform im Unterricht. Daneben wurden sie in ihrer Freizeit ideologisch und vormilitärisch geschult.

Abschlusszeugnis eines HJ-Angehörigen, mit entsprechendem Vermerk, 1936

Uniformhemd der Hitlerjugend, Jungbann 271 (Lüneburger Heide / Nordsee / Nord), um 1940

Gasmaske, militärisch aber in dieser Form auch etwa bei im Luftschutz eingesetzten Angehörigen der HJ im Gebrauch, um 1940

„Affe“ genannter (para-) militärischer Rucksack, um 1940

Wurfkeule für paramilitärische Übungen in Form einer Stielhandgranate, die eiserne Manschette um den Kopf fehlt, um 1940

„Hitlerjugend-Leistungsabzeichen“ – Auszeichnung für sportliche Leistungen und gutes Schulungswissen – und zugehöriges „Leistungsbuch“, um 1940

VITRINE 02: HANDARBEIT – HAUSWIRTSCHAFT – WERKEN

Lange Zeit gilt in der Schule wie in der Ausbildung und im späteren Berufsleben: Technik, Naturwissenschaften, Handwerk sind etwas für Jungen! Mädchen sollen stricken, kochen, zeichnen… Wer davon abweicht, hat es schwer. Wie den Zugang zu den Universitäten müssen sich Frauen auch den Zugang zu neuen Unterrichts- und Berufsfeldern erkämpfen.

Schulwebrahmen, um 1960

Holzpilz, gefertigt im Werkunterricht um 1990. Private Leihgabe

Experimentierkasten All-Chemist, 1960er Jahre

Typisches Jungen-Zeugnis, nicht erteilt: Nadelarbeit und Hauswirtschaft, 1945

 

Die Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945

Eine gemeinsame schulische Erziehung von Jungen und Mädchen wurde während der Herrschaft der Nationalsozialisten allgemein abgelehnt. Mädchen und Jungen wurden unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen und Rollen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zugeschrieben. Dementsprechend sollten sie auch getrennt zur Erfüllung dieser Erwartungen erzogen werden.

Als höchstes Ziel der Erziehung von Mädchen galt die Rolle als Mutter, während Jungen zu Ernährern und Kämpfern gemacht werden sollten. Die in der deutschen Gesellschaft auch vor 1933 schon vorhandene unterschiedliche Bewertung der Geschlechter bekam durch die Vorstellungen der Nationalsozialisten einen höheren Stellenwert. Die Gegensätze wurden ideologisch verschärft.

Auch in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen, in denen Jungen und Mädchen im Sinne der herrschenden Ideologie indoktriniert wurden, galt eine Geschlechtertrennung. Jungen wurden in der „Hitlerjugend“ vor allem für den Kriegsdienst als Soldaten geschult. Mädchen bereitete der „Bund Deutscher Mädel“ auf eine Rolle als Mutter und Hausfrau vor. Denn im rassistischen und kriegerischen Weltbild der Nationalsozialisten waren eine aggressive staatliche Expansion und möglichst kinderreiche Familien höchste Ziele. Zeitgenössische Diskussionen um die Einführung der Koedukation in den Schulen fanden unter diesen Bedingungen keinen Widerhall.

Die Bundesrepublik Deutschland bis zur Wiedervereinigung (1949 bis 1990)

Ab der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 knüpfte der junge Staat auch in der Bildungspolitik in vielen Bereichen an die demokratischen Traditionen der Weimarer Republik an. Das bedeutete unter anderem, dass insbesondere im höheren Schulwesen viele getrennte Schulen für Mädchen und Jungen eingerichtet wurden. Wie vor 1933 wurden die neuen Volksschulen und einige Realschulen jedoch koedukativ gestaltet.

Mit den großen Bildungsreformen der 1960er Jahre wurde die Koedukation dann fast flächendeckend zum Regelfall im Schulwesen der Bundesrepublik Deutschland. Die vorhandenen Gymnasien für Jungen wurden nun auch für Mädchen zugänglich gemacht.

Durch Kritik aus der neuen Frauenbewegung wurde ab den 1980er Jahren erstmals die Kategorie des „Geschlechts“ hinterfragt. Diese Bewegung brachte auch eine neue Koedukationsdebatte mit sich. Der gemeinsame Unterricht wurde in diesem Kontext häufig kritisiert. Man argumentierte, er würde Mädchen an eine patriarchalische Gesellschaft gewöhnen, anstatt sie zu selbstbewussten Frauen zu erziehen. Postuliert wurde auch, nach der Öffnung der alten Jungenschulen wäre die Chance vertan worden, eine neue Schulform zu finden. Stattdessen hätten sich die Mädchen vielmehr den alten „männlichen“ Bildungsvorstellungen anpassen müssen.

Vitrine 03: Sport

Die Wurzeln des Schulsports im heutigen Deutschland liegen um ca. 1810 in der nationalen Turnerbewegung des Pädagogen, Publizisten und Politikers Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Diese bewirkte, allerdings im militärisch-patriotischen Kontext des Kampfes gegen Napoleon Bonaparte, eine starke Popularisierung des Sports. Als eigentlicher Begründer des deutschen Schulsports gilt Karl Adolf Spieß (1810-1858). Vor allem dank ihm wurde Turnen als Schulfach eingeführt und es kam 1852 zum Bau der ersten Schulturnhalle. Außerdem war Spieß ein Verfechter des Mädchenturnens!

Ab den 1870ern entstanden im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) zunehmend Turnlehrerbildungsstätten. Erst in der Weimarer Zeit (1918-1933) erlebte der Schulsport aber eine wahre Blüte. Ausdruckstanz hatte in den 1920ern Konjunktur, das Fach Leibeserziehung wurde eingeführt. Sport sah man immer mehr als Mittel der Charaktererziehung, zur Förderung von Zielstrebigkeit und Demokratiebewusstsein. Unter dem Regime der Nationalsozialisten (1933-1945) wurde auch der Schulsport militarisiert. Turnen wurde verpflichtendes Schulfach. Dies behielt man nach dem 2. Weltkrieg in den beiden deutschen Staaten bei.

In der Deutschen Demokratischen Republik (1949-1990) wies der Schulsport deutliche militärische Elemente auf: Beim Keulenweitwurf hatten die Sportgeräte die äußere Form von Handgranaten, außerdem es gab Schießunterricht. Die Gesellschaft für Sport und Technik organisierte Wehrsport-Übungen als verpflichtende vormilitärische Ausbildung für alle Schülerinnen und Schüler.

In der BRD war in den 1970ern und 80ern die Vorbereitung auf den Vereinssport wichtige Schulsport-Aufgabe. Unterrichtet wurde noch vorwiegend getrennt. Erst ab den 1980ern fand im Sinne der Koedukation an den meisten BRD-Schulen gemeinsamer Sportunterricht statt. Dies hatte aber organisatorische Gründe: SportlehrerInnen und Hallen fehlten. Nur sporadisch gab es inhaltliche Überlegungen zum Beitrag des Schulsports zur Geschlechteremanzipation.

Heute ist Mehrperspektivität eine wichtige Maßgabe des Sportunterrichts. Im Schulsport sollen Geschlechterklischees abgebaut, andere Kulturen integriert und Menschen mit Behinderung mit einbezogen werden.

Wurfspeer für den Schulsport und den Vereinssport, hergestellt von der Firma Rüger, um 1930

Verschiedene hölzerne Gymnastik-Keulen, verwendet im Mädchenturnen, BRD, 2. Hälfte 20. Jahrhundert

Kugelstoß-Kugel, verwendet im Sportunterricht einer norddeutschen Grundschule, BRD, 2. Hälfte 20. Jahrhundert. Private Leihgabe

Handgranaten-Attrappe für paramilitärische Übungen, auch im Sportunterricht an Schulen verwendet, DDR, um 1970

Mädchen-Turnhose und Schwimmpass, BRD, um 1950

Urkunde einer Schülerin aus Quedlinburg zum 3. Platz im Leichtathletik-Wettkampf, unten links Abbildung des DDR-Sportabzeichens mit Umschrift „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat“, DDR, 1963

„Sport-Tagebuch der deutschen Jugend“ einer Schülerin aus Hannover, 1935

Zeugnisbuch einer Schülerin aus Uetze als Beleg ihrer eifrigen Teilnahme am Sportunterricht, um 1940

Freischwimmer-Zeugnis und DLRG-Grundschein einer Schülerin aus Celle, Mitglied im Bund Deutscher Mädel, 1936 und 1940

Die DDR (1949 bis 1990)

Bereits in der sowjetischen Besatzungszone und auch in der späteren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde ein gemeinsamer Unterricht als grundsätzliche Schulform umgesetzt. Dabei folgte die Politik der Vorstellung von einer Gleichheit der Geschlechter und damit den Forderungen der sozialistischen Frauenbewegung. Ungleichheiten außerhalb der Schulen und im Privaten wurden jedoch häufig übersehen.

Zunächst gab es auch in der DDR noch Debatten um die Koedukation. Diese verstummten aber in den 1960er Jahren mit
der Einführung des grundsätzlich gemeinsamen Unterrichts in den polytechnischen Oberschulen.

Allerdings zielte der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen im sozialistischen Staat ideologisch bedingt darauf ab, eine geschlechtsneutrale Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen. Dabei wurde vieles vermieden, was im Verdacht stand, veraltete Rollenmuster – vor allem weibliche – zu unterstützen.

Dem gegenüber folgten die Berufswünsche der Mädchen und Jungen auch in der DDR ähnlichen tradierten Vorstellungen wie in der Bundesrepublik Deutschland. Der offiziell gleiche Lehrplan für beide Geschlechter konnte also die Orientierung der Schülerinnen und Schüler nach gesellschaftlich überkommenen Geschlechtsrollenmustern nicht verhindern.

Koedukation in Deutschland heute

Im wiedervereinigten Deutschland gibt es heute nur noch ca. 150 reine Mädchenschulen und etwa halb so viele reine Jungenschulen. Die Monoedukation ist also beinahe verschwunden. Wo es sie noch gibt, findet sie meist an kirchlichen Schulen statt. Dennoch werden immer wieder Forderungen laut, den Unterricht an staatlichen Schulen zumindest zeitweise nach Geschlechtern zu trennen. Im internationalen Vergleich gestaltet sich die Situation anders. Auch in einigen europäischen Ländern ist der nach Geschlechtern getrennte Unterricht weiterhin verbreitet. So werden an öffentlichen Schulen in Großbritannien Mädchen und Jungen traditionell häufig getrennt voneinander unterrichtet.